Irgendwann in einer Phase, in der Ted Pain endgültig genug von allem hatte, kündigte er ein Konzert an, das niemand so richtig ernst nahm.
Es gab nur einen Satz:
„Es gibt genau einen Platz, wer kommen soll, kommt."
Keine Location, keine Uhrzeit, kein Line-up. Nur dieser Satz, irgendwo versteckt auf einer Einwurfwerbung im Briefkasten, die meist ungelesen weggeworfen wird.
Ein paar Wochen später sitzt eine Frau mittleren Alters in einem viel zu großen, leicht muffigen Raum. Ein ehemaliger kleiner Theatersaal, halb Probenraum, halb Abstellkammer. In der Mitte steht genau ein Stuhl. Sonst nichts.
Auf der Bühne: ein Klavier, ein Mikro, eine alte Lampe, die schon bessere Tage gesehen hat. Und Ted.
Sie hat 1 Mark für das Ticket bezahlt. In bar. Handgeschrieben, ohne Sitzplatznummer.
Ted spielt ein komplettes Set nur für sie. Keine Aufnahme, keine Setlist-Fotos.
Als der letzte Akkord verklingt, nimmt er den zerknitterten Zettel mit der Setlist, geht zu einer Metallschale neben der Bühne, zündet den Zettel an und schaut zu, wie er verbrennt.
„Jetzt gehört das wirklich nur dir", sagt er.
Seitdem existiert dieses Konzert nur in der Erinnerung dieser einen Frau – und in den Gerüchten, die sich darum ranken.
Exklusivinterview mit der einzigen Zuhörerin aus der Soundwoche vom 15.3.1994
Die Frau möchte anonym bleiben. In dieser Geschichte heißt sie nur: M., Mitte 40.
Frage: Wie bist du überhaupt an dieses Ticket gekommen?
M.: Eigentlich aus Versehen. Ich werfe Werbeblätter normalerweise weg. Diesmal hab ich es aus einer Laune heraus gelesen. In der Mitte stand dann dieser Satz mit „es gibt genau einen Platz". Ich dachte erst: Okay, netter Kunst-Gag, am Ende stehen da doch wieder 50 Leute im Raum. Ich hab einfach einen Brief geschrieben: „Wenn du das ernst meinst: Ich komme." Antwort kam auf einer Postkarte mit zwei Zeilen: Uhrzeit, Ort. Kein Hallo, kein Tschüss.
Frage: Wie war es, in den Raum zu kommen und zu merken: Das hier ist wirklich nur für dich?
M.: Unangenehm. (lacht) Ich kam rein, sah diesen einen Stuhl und dachte: „Bitte lass mich falsch sein, bitte kommen noch andere." Aber da kam niemand. Ted saß schon am Klavier und hat rumprobiert. Er hat kurz hochgeschaut, genickt und gesagt: „Du bist pünktlich. Gut." Dann hat er einfach angefangen zu spielen. Kein Smalltalk, keine Einführung, nichts.
Frage: Erinnerst du dich daran, was er gespielt hat?
M.: Das Gemeine ist: Ich könnte jetzt alles Mögliche behaupten, und niemand könnte es überprüfen. (grinst) Es war eine Mischung aus Sachen, die sich vertraut angefühlt haben, und Dingen, die ich vorher noch nie gehört hatte. Zwischendurch klang es, als hätte jemand Weihnachtslieder auseinandergebaut und wieder falsch zusammengesetzt. Dann war es plötzlich ganz leise und zerbrechlich, im nächsten Moment wieder laut und trotzig. Ein Stück klang für mich, als würde jemand eine Erinnerung rückwärts abspielen. Ich weiß, wie es klingt. Aber so hat es sich angefühlt.
Frage: Was hast du währenddessen gemacht?
M.: Am Anfang: sehr bewusst „nicht stören". Ich saß da und dachte: „Atme bloß leise, sonst machst du irgendwas kaputt." Mit der Zeit wurde es ruhiger in mir. Ich hatte das Gefühl: Wenn ich jetzt aufstehe, ist das Konzert vorbei. Er spielt zwar für mich, aber eigentlich spielt er vor allem für sich. Es war ein bisschen, als wäre ich aus Versehen in eine sehr persönliche Sitzung geraten, und er hat mich einfach sitzen lassen.
Frage: Wie war der Moment, als er die Setlist verbrannt hat?
M.: Komisch feierlich. Er hat den Zettel genommen, angezündet, in diese Metallschale gelegt und einfach zugesehen. Kein großes Theater, kein „Performance"-Moment. Er sagte nur:
„So. Jetzt gehört das nur dir."
Und plötzlich hatte ich das Gefühl, ich müsste mir alles merken. Jede Reihenfolge, jede Stelle, an der ich Gänsehaut hatte, alles. Natürlich habe ich längst einiges vergessen.
Frage: Hat sich danach jemand bei dir gemeldet?
M.: Ein paar Leute, die irgendwo von dem Konzert gehört hatten, ja. Die wollten wissen, ob das stimmt – und natürlich: Was er gespielt hat. Einmal hat mir jemand Geld angeboten, wenn ich die Stücke möglichst genau beschreiben oder nachsummen würde. Ich hab abgelehnt. Ich glaube, das ist das Einzige in meinem Leben, das sich wirklich „nicht teilbar" anfühlt. Und das ist wahrscheinlich genau der Punkt dieser Aktion.
Frage: Wenn er das nochmal machen würde – wärst du wieder dabei?
M.: Ja. Und ich würde mich wahrscheinlich genauso unwohl fühlen wie beim ersten Mal. Aber ich glaube, ohne dieses Unwohlsein wäre es nicht Ted Pain.
(Ob dieses Konzert wirklich stattgefunden hat? Wenn du Ted Pain kennst, weißt du: Die Frage ist vielleicht nicht die wichtigste.)